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IAB-Studie: Arbeitszeitpolitik im Wandel – Sorgearbeit weiter am Rand?

Die Bundesregierung beabsichtigt, Maßnahmen zur Verlängerung der Erwerbsarbeitszeit umzusetzen. Geplant sind die Abschaffung der täglichen zugunsten einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit, steuerliche Entlastungen für Überstundenzuschläge und Anreize zur Erweiterung der Arbeitszeit von Teilzeitbeschäftigten.

Doch was auf den ersten Blick nach mehr Flexibilität klingt, wirft aus Sicht von Menschen mit Sorgeverantwortung Fragen auf: Wer kann sich mehr Erwerbsarbeit überhaupt leisten, wenn Kinderbetreuung und Pflege weiterhin vor allem Privatsache bleiben? Und wer profitiert von steuerfreien Überstunden, wenn unbezahlte Sorgearbeit weiterhin ungleich verteilt bleibt?

Eine Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gibt Aufschluss darüber, wie Beschäftigte auf diese Pläne reagieren. Rund ein Drittel der Befragten zeigt sich grundsätzlich bereit, an einzelnen Tagen länger als zehn Stunden zu arbeiten. Besonders bei jüngeren Beschäftigten stoßen finanzielle Anreize auf Zustimmung – sei es für Überstunden oder eine dauerhafte Aufstockung von Teilzeitstellen. Dabei sind Männer eher bereit, an einzelnen Tagen zehn Stunden oder mehr zu arbeiten. Sie gehen außerdem eher davon aus, dass der Arbeitgeber dies von ihnen erwarten würde. Von steuerfreien Überstundenzuschlägen können aktuell Männer viermal so oft wie Frauen profitieren.

Dies legt nahe, dass infolgedessen vor allem Männer ihre Arbeitszeit weiter ausweiten würden – mit negativen Folgen für ihre Partnerinnen, die den Großteil der Care-Arbeit stemmen. Das Reformvorhaben könnte damit die Doppelbelastung erwerbstätiger Frauen verstärken, da sie aufgrund längerer Arbeitszeiten ihrer Partner mehr unbezahlte Haus- und Sorgearbeit übernehmen müssten.

Wenn Geschlechterunterschiede verstärkt werden, läuft das nicht nur dem Ziel der Gleichstellung entgegen, schlussfolgern die Studienautor*innen. Darüber hinaus würden Fachkräftepotenziale berufstätiger Mütter möglicherweise weniger gut genutzt, da sich die Sorgearbeit in Partnerschaften noch weiter hin zu ihnen verlagern könnte.

Die Normalisierung langer Arbeitstage könnte zudem indirekt die Chancen von Frauen mit Kindern auf dem Arbeitsmarkt verringern: Wenn sie die Erwartungen von Arbeitgebern an Arbeitszeit und Erreichbarkeit aufgrund von Sorgepflichten nicht erfüllen können, könnten sie als weniger flexibel gelten.

Wenn Arbeitgeber also künftig auf längere Arbeitszeiten setzen wollen, braucht es mehr als neue gesetzliche Spielräume. Es braucht faire, verlässliche und sorgearbeitsgerechte Rahmenbedingungen: gerechte Bezahlung, individuelle Lösungen zur Arbeitszeitaufstockung – und vor allem Rücksicht auf Sorgeverpflichtungen. Denn wer Sorgearbeit leistet, kann nicht einfach „mehr arbeiten“, solange die strukturelle Unterstützung fehlt.

Weitere Informationen sind auf der Website des IAB zu finden.