Arbeit im Blick: Zeit für Erwerbs- und Sorgearbeit
Stand: Juli 2025Factsheet
Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit. Auch Sorgearbeit ist Arbeit. Unbezahlte Sorgearbeit ist die Voraussetzung für bezahlte Erwerbsarbeit – sie ist gesellschaftlich und ökonomisch notwendige Arbeit. Kinder versorgen und erziehen, Angehörige und Freund*innen pflegen oder sich um den Haushalt kümmern: Die herausfordernde und vielschichtige Sorge- und Hausarbeit der einen ermöglicht überhaupt erst die Erwerbsarbeit der anderen.
Bezahlte Erwerbsarbeit …
Frauen arbeiten im Vergleich zu Männern weniger Stunden pro Woche im Beruf, denn sie leisten den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit. Ihre durchschnittliche Erwerbsarbeitszeit ist seit über zehn Jahren konstant, die von Männern kontinuierlich gesunken. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit nimmt zwar ab, aber nicht, weil Menschen weniger arbeiten, sondern weil Deutschland eine sehr hohe Teilzeitquote* hat. Denn die Erwerbstätigenquote** von Frauen ist in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen und liegt nur noch knapp 7 Prozentpunkte unter derjenigen der Männer. Im EU-Vergleich ist sie überdurchschnittlich hoch. Allerdings arbeiten die Hälfte der erwerbstätigen Frauen und zwei Drittel der Mütter in Teilzeit.
* Teilzeitquote: Anteil der Teilzeitbeschäftigten an allen Erwerbstätigen
** Erwerbstätigenquote: Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (unabhängig vom Erwerbsumfang)
… und unbezahlte Sorgearbeit
Die Zeit, die Männer mit Sorge- und Hausarbeit verbringen, ist in den letzten Jahren gestiegen. Trotzdem leisten Frauen im Durchschnitt rund neun Stunden – einen sogenannten Normalarbeitstag – mehr unbezahlte Arbeit pro Woche als Männer. Bei Eltern ist die Sorgelücke noch ausgeprägter: Mütter leisten 14 Stunden und 20 Minuten mehr unbezahlte Arbeit als Väter und 15 Stunden mehr als Frauen ohne Kinder. 2023 wurden etwa zwei Drittel der knapp fünf Millionen zu Hause versorgten Pflegebedürftigen überwiegend von Angehörigen gepflegt. In den nächsten Jahren wird die Zahl der Menschen, die Angehörige unterstützen und pflegen, angesichts des Mangels an beruflich Pflegenden weiter ansteigen. Die Mehrzahl der pflegenden Angehörigen ist weiblich. In Deutschland liegt der Gender Care Gap in der Pflege bei 133 Prozent – Frauen pflegen also mehr als doppelt so häufig Angehörige wie Männer. In Ländern wie Schweden oder der Schweiz, die stärker in formelle Pflege investieren, sind die Geschlechterungleichheiten in der informellen Pflege geringer.
Quellen: Statistisches Bundesamt, 5,7 Millionen Pflegebedürftige zum Jahresende 2023 (Pressemitteilung Nr. 478 vom 18.12.2024)
Zweiter Bericht des unabhängigen Beirats für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, 2023, S. 11
J. Geyer, P. Haan und M. Teschner, Ausbau der Pflegeversicherung könnte Gender Care Gap in Deutschland reduzieren, DIW Wochenbericht Nr. 7/2024, 2024
Wunsch und Wirklichkeit
Jede vierte erwerbstätige Mutter empfindet ihre Erwerbsarbeitszeit als zu knapp – jeder vierte Vater findet, dass er zu viel Zeit im Job verbringt. Könnten Mütter und Väter in dem Umfang erwerbstätig sein und Sorgearbeit übernehmen, der ihren Wünschen entspricht, stünden dem Arbeitsmarkt 325.000 Vollzeitäquivalente*** mehr zur Verfügung – und das, obwohl Väter ihre Erwerbstätigkeit um 320.000 Voll- zeitäquivalente reduzieren würden. Das heißt: Die faire Verteilung unbezahlter Sorgearbeit würde sich positiv sowohl auf die Annäherung der Erwerbsumfänge von Frauen und Männern als auch auf die Fach- kräftesicherung auswirken.
*** Vollzeitäquivalente: Maßgröße, die Teilzeit- und Vollzeitarbeit in vergleichbare Vollzeitstellen umrechnet
Arbeitszeiten im Plural denken
Von wem und wie Sorgearbeit geleistet wird, muss in der Arbeitsmarktpolitik zwingend mitgedacht und im Arbeitsrecht stärker berücksichtigt werden. Geschlechtergerechte Arbeitsmarktpolitik, die Sorgearbeit der Beschäftigten mitdenkt, muss geeignete Rahmenbedingungen schaffen: verlässliche Arbeitszeiten und partnerschaftliche Arbeitszeitmodelle, eine gute und bedarfsgerechte Infrastruktur im Bereich der Bildung, Erziehung und Betreuung bis ins Grundschulalter sowie in der Pflege und nicht zuletzt widerspruchsfreie politische Maßnahmen für die partnerschaftliche Verteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern.
Quelle: Prognos, Der unsichtbare Wert von Sorgearbeit, 2024, S. 2, eigene Darstellung
